Vergessen oder verschwiegenen: NS-Opfer unter Vorbehalt
Am 4. September lädt das Museum Mühlberg um 19.00 Uhr zu einem besonderen Vortrag ein.
In diesem spricht Andreas Pretzel über die Nachkriegsgeschichte und blickt auf den Kampf von NS-Verfolgten um Anerkennung. Und fragt: Warum sind im Gedenken an den Holocaust und antifaschistischen Widerstand so viele Leidenswege vergessen worden? Wo finden sich ihre Spuren, und was erzählen sie uns? Pretzel zeigt, wer von den NS-Verfolgten in Ost- und Westdeutschland als NS-Opfer amtlich anerkannt wurde, wer Zuwendung und Unterstützung erhielt und wer davon ausgeschlossen wurde. Außerdem nimmt er die Rolle der Interessenvertretungen und Verbände der NS-Verfolgten in den Fokus.
Auf der einen Seite wurde Antifaschismus zur Staatsräson und „Opfer des Faschismus“ ein Ehrentitel. Auf der anderen Seite entstand ein Rechtsstatus privilegierter NS-Opfer – für die vornehmlich erinnerten Opferkollektive. Viele hatten schlechte Karten, wenn es um Anerkennung als NS-Opfer, Entschädigung oder Rückerstattung ging: etwa Sinti und Roma, Homosexuelle, sogenannte Asoziale, Zwangssterilisierte, Opfer der Euthanasie und ihre Angehörigen. Mit Einblicken in die unmittelbare Nachkriegszeit bis hin zu Entwicklungen der 1950er-Jahre wird die heute verstörende Geschichte dieser vergessenen und verschwiegenen Opfer aufgezeigt. Und gefragt: Welche Konsequenzen entstanden daraus für die Aufarbeitung und Bewältigung der NS-Gewaltgeschichte, für die Erinnerungspolitik und das Gedenken? Welche Verfolgten konnten ihre Geschichten der Öffentlichkeit erzählen? Wer war zum (Ver-)Schweigen verdammt?
Andreas Pretzel studierte Kulturwissenschaft und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Geschäftsführer der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin.