Aktuelle Veröffentlichungen des Deutschen Instituts für Menschenrechte zeichnen ein deutliches Bild: Das Recht auf inklusive Bildung wird in Deutschland auch 17 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention noch immer nicht flächendeckend umgesetzt. Eltern wünschen sich mehrheitlich gemeinsames Lernen für ihre Kinder – doch fehlende Ressourcen, unzureichende Unterstützung und strukturelle Barrieren führen weiterhin dazu, dass viele Kinder mit Behinderungen Förderschulen besuchen müssen. Die Ergebnisse decken sich mit der aktuellen Analyse „Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.
Die Studien machen unmissverständlich deutlich: Das Problem ist nicht die Bereitschaft der Eltern zur Inklusion. Das Problem sind die Rahmenbedingungen, die Politik und Schulträger seit Jahren nicht ausreichend schaffen.
Eltern wollen Inklusion – wenn sie funktioniert:
Die bundesweite Elternbefragung mit 7.462 Familien zeigt, dass 81,7 Prozent der Eltern gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen befürworten. Gleichzeitig geben 68,7 Prozent der Eltern von Kindern an Förderschulen an, dass sie sich bei guten Rahmenbedingungen für eine allgemeine Schule entschieden hätten.
Diese Zahlen widerlegen die häufig geäußerte Behauptung, Eltern würden grundsätzlich Förderschulen bevorzugen. Tatsächlich entscheiden sich viele Familien aus Sorge um eine ausreichende Unterstützung ihres Kindes gegen den inklusiven Unterricht.
Das sogenannte Elternwahlrecht ist häufig nur Theorie
Die Untersuchungen zeigen zudem, dass viele Eltern keine echte Wahl zwischen allgemeiner Schule und Förderschule haben. Beratungsangebote empfehlen häufig den Besuch einer Förderschule, während inklusive Alternativen vielerorts fehlen oder personell unzureichend ausgestattet sind. Schulwechsel erfolgen überwiegend in eine Richtung – von der allgemeinen Schule zur Förderschule.
Von einer freien Schulwahl kann keine Rede sein, wenn Eltern zwischen sozialer Teilhabe und ausreichender Förderung entscheiden müssen. Das ist kein Wahlrecht, sondern eine Entscheidung aus der Not heraus.
Qualität entscheidet über gelingende Inklusion
Auch die weiteren Veröffentlichungen des Deutschen Instituts für Menschenrechte verdeutlichen, dass Inklusion nur dann gelingt, wenn Schulen über ausreichendes Personal, sonderpädagogische Fachkompetenz sowie barrierefreie Lernbedingungen verfügen.
Die Eltern berichten insbesondere über:
- fehlende sonderpädagogische Unterstützung an allgemeinen Schulen,
- Personalmangel,
- mangelnde Akzeptanz und Teilhabe,
- hohe organisatorische Belastungen der Familien,
- unzureichende Beratung im Vorfeld der Schulentscheidung.
Gleichzeitig zeigen die Studien, dass gut ausgestattete inklusive Schulen von Eltern deutlich positiver bewertet werden.
Deutschland bleibt hinter seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen zurück
Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen. Dennoch besuchen bundesweit weiterhin rund sechs von zehn Kindern mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf eine Förderschule. Die Exklusionsquote ist seit Jahren nahezu unverändert hoch. Das Deutsche Institut für Menschenrechte macht deutlich, dass hierfür nicht die Kinder verantwortlich sind, sondern unzureichende strukturelle Voraussetzungen.
Handlungsauftrag auch für Brandenburg
Auch in Brandenburg besteht erheblicher Handlungsbedarf. Inklusive Bildung darf nicht vom Wohnort, vom Engagement einzelner Schulen oder vom Durchsetzungsvermögen der Eltern abhängen.
Was wird gefordert:
- einen verbindlichen Ausbau inklusiver Bildungsangebote,
- deutlich mehr sonderpädagogisches und multiprofessionelles Personal,
- barrierefreie Schulgebäude und digitale Lernangebote,
- unabhängige und ergebnisoffene Beratung der Eltern,
- ausreichende finanzielle Ausstattung der Schulen,
- eine konsequente Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.
Inklusion ist kein pädagogisches Experiment und keine freiwillige Leistung. Sie ist ein Menschenrecht. Die aktuellen Studien zeigen eindrucksvoll, dass wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind, dieses Recht für alle Kinder zu verwirklichen. Jetzt ist die Politik gefordert, den Worten endlich Taten folgen zu lassen.
Analyse: Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit